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Das Internationale wurde mir schon in die Wiege gelegt, denn mein Vater war Seemann und befuhr, auch nach dem Studium als Schiffsingenieur  Woermanns Ostafrikalinie. In der “christlichen Seefahrt” wird man ganz selbstverständlich Internationalist. Man lernt nicht nur alle möglichen Weltgegenden kennen, sondern arbeitet mit Angehörigen unterschiedlicher Nationen zusammen und ist dabei aufeinander angewiesen.
Solche Menschen konnten natürlich mit einem Nazi-Regime nicht zurecht kommen. Also verhalf seine Schwester ihm mit Hilfe ihrer Beziehungen 1939 gerade noch rechtzeitig zu Arbeitsplatz und Schiffspassage nach Peru; was danach weiter geschah, ist hier zu lesen: http://foitimes.com/Pinnow.pdf

Das Ausland ließ ihn nicht los. Er wurde Ingenieur für Zuckerrohrmaschinen und diese Tätigkeit führte ihn natürlich immer wieder ins Ausland: Indien, Südamerika, Sudan … nicht nur Briefe, Erzählungen und Mitbringsel prägten mich, sondern auch zahllose Besuche von Geschäftsfreunden aus diesen Ländern, zu denen er mich von Kindesbeinen an als Symbol der Verbundenheit mit schleppte.

Es prägte mich aber auch, als Mensch mit anderer Familiengeschichte in der Nachkriegszeit aufzuwachsen. Das hatte durchaus seine Schwierigkeiten, denn die Kinder derer, die sich frühzeitig gegen die Nazis gewandt hatten, konnten nicht nur nicht mit elterlichen Erzählungen vom Abenteuer Krieg, Flucht, Vertreibung, Heimkehr auf abenteuerlichen Wegen aufwarten, sie waren auch eine negierende Provokation im allgegenwärtigen “wir alle sind ausnahmslos schuld” – also ist keiner schuld. Man wollte nicht hören, dass es auch andere gab.
Gleichzeitig hat man, so geprägt, einen anderen Blick auf die Nazizeit, denn es ist nicht die eigene Geschichte. Man fragt nicht nach den eigenen Eltern, sondern nach denen der anderen: was hatten die, was die eigenen nicht hatten? Was machte den Unterschied aus? Wieso konnten die einen mit den Nazis leben und die anderen nicht?

Politisch geprägt bin ich von den 68ern. Nein, nicht den Hippies, die kamen erst danach. Sondern von den Rationalisten, den Intellektuellen, die Marx, Marcuse, Mitscherlich, Lenin, Freud, Bakunin und Necajew in sich hinein stopften. Und was es damals nicht gab war German Angst. Wir hatten vor den Deuvel keine Angst. Und ich habe sie immer noch nicht.

In Wien kam ich in Kontakt mit den in der CISNU organisierten iranischen Studenten. Die Proteste während des Schah-Besuches, bei denen Benno Ohnesorg erschossen wurde, gehörten ja zu den herausragenden Ereignissen der 68er. Ich beteiligte mich aktiv an deren Widerstand, lernte Persisch, nahm an Versammlungen und politischen Ferienlagern teil, was nur sehr wenigen NIcht-Iranern gestattet war.
Ich studierte Islamwissenschaft mit Schwerpunkt Philosophie; und die ließ mich nicht mehr los, dagegen konnte ich machen, was ich wollte. Manche sind eben dazu geboren.
Meinem Nebenfach Soziologie bin ich dafür dankbar, dass es mir gründliche Kenntnisse der Wissenschaftstheorie einremmste.

Als Studentenjob verhalf man mir als zuverlässigem Schah-Gegner zu einer Stelle in der Botschaft der Islamischen Republik Iran, die aber sehr schnell über einen Studentenjob weit hinaus ging, denn der Botschafter erkannte meine Begabung zum politischen Schreiben. Fortan war ich für die Propaganda in Deutsch zuständig: offizielle Briefe, Publikationen, Vorbereitung von Interviews und Pressekonferenzen, das ganze politische PR-Programm. Und da ich direkt mit dem Botschafter zusammen arbeitete, bekam ich natürlich auch sonst eine Menge vom diplomatischen Geschäft mit – nicht nur von der Außenpolitik, sondern auch von der damit verbundenen Wirtschaft; immerhin hatte der Staat vom Schah Sperrminoritätenanteile von Babcock und Thyssen geerbt, und auch um die drei in Bau befindlichen Kernkraftwerke der KWU gab es nicht unerhebliches Hickhack. Denn ironischerweise war es die KWU, die, unterstützt von der deutschen Regierung, auf dem Weiterbau bestand; während die Iraner sehr skeptisch waren, gehörten doch die Baugründe teilweise zu Erdbebengebieten.

Es waren gut anderthalb harte Jahre, in denen ich viel gelernt habe. Nicht nur über das einer Revolution folgende Chaos, sondern auch ihren Diebstahl durch Chomeini, den tatsächlich kein Demokrat auf dem Schirm hatte. Es waren teilweise sehr, sehr schmerzliche Erfahrungen, denn zu tun hatte ich mit Leuten, die nicht nur über Tod und Leben diskutieren, sondern auch entscheiden konnten. Das aber ist eine ganz andere Kategorie, als nur darüber zu reden. In meine Zeit fiel auch der Beginn des irakisch-iranischen Krieges, die sehr handfesten Ängste um die Familien, wenn Saddam Husseins Bomber flogen. Und der elementare Wille, das Land zu verteidigen, koste es, was es wolle. Bald kamen Verwundete in die Botschaft, um von dort aus auf deutsche Kliniken zwecks Zusammenflicken verteilt zu werden: junge Soldaten ohne Arme, Beine, Augenlicht, mit Hirnverletzungen oder weg geschossenem Gesicht. Muss man, glaube ich, mit eigenen Augen gesehen haben, um zu begreifen, was Krieg ist.
Ich verließ die Botschaft, als ich erkannte, da war nichts mehr zu retten, die Revolution war an Chomeinis Diktatur endgültig verloren.

Zwischenzeitlich hatte ich meinen Mann kennen gelernt, ein libyscher Diplomat. Das war eine andere Kategorie, denn hier ging es darum, vor einem etablierten, aber verrückten Diktator zu retten, was zu retten war. Nicht immer mit feinen Mitteln: als Gaddafi sich auf einen Krieg mit den USA einlassen wollte, kochte mein Mann mit Bruno Kreisky den Plan aus, die unerfahrenen Grünen zu ihm zu schicken. Grüne und Grünes Buch, da liegen zwar Welten zwischen, aber das weiß er doch nicht. Einigen der damaligen Delegation der Grünen hängt die Sache immer noch nach; aber was soll’s, das Unternehmen Krieg wurde abgeblasen und das zählt. In solchen Fällen heiligt der Zweck die Mittel.

Hier lernte ich, was die absolut notwendige Voraussetzung ist, um im Stillen zum Wohl von Menschen zu agieren, wenn es um Leib und Leben geht: Seriösität, Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Verschwiegenheit. Ohne das läuft gar nichts. Wer das nicht hat, ist für das Geschäft verloren.
Aber auch, wie Nachrichten zu entziffern sind.  Denn es wird zwar letztlich fast alles, was wichtig ist, publiziert – aber nicht in den Zusammenhängen, in die es gehört. In Bezug auf Russland nannte man das Kreml-Astrologie; aber im Grunde muss man diese Astrologie in der gesamten Außenpolitik betreiben, denn keiner lässt sich gern in die Karten gucken, am wenigsten von der unprofessionellen Öffentlichkeit.

Gleichzeitig lernte ich die Arbeit der UNO schätzen, denn auch die gehörte schon mal zum Arbeitsbereich meines Mannes. Die UNO ist gerade für schwierige Verhältnisse von unschätzbarem Wert; wer aufmerksam ist und auf die publizierten Kleinigkeiten achtet, erkennt das auch anhand der gegenwärtigen Syrienkrise. Sie beschäftigt nicht nur hochkarätige engagierte Fachleute für alle möglichen Probleme, sie ist auch die einzige Organisation, die politische Neutralität versprechen kann, weil sich in ihr die unterschiedlichen Mächte gegenseitig neutralisieren. Viele Piraten träumen von einer einigen Welt ohne Nationalstaaten und ohne Grenzen. Diese Träume sind gänzlich vergeblich, denn die weit überwiegende Mehrheit der Bürger anderer Staaten kämpfen für das genaue Gegenteil: ihre Unabhängigkeit, ihre eigenständige Entwicklung, die eigene Herrschaft über Boden und Ressourcen, ihre nationale und kulturelle Identität. Wer in der Außenpolitik wirken will, muss das akzeptieren – auch als Pirat, denn gerade der darf den Willen der Bürger anderer Staaten nicht ignorieren.

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